Unbegleitete minderjährige Ausländer

Wer sind unbegleitete minderjährige Ausländer?

Unbegleitete minderjährige Ausländer ist der Fachbegriff für  Flüchtlinge, die noch nicht volljährig und die ohne sorgeberechtigte Begleitung unterwegs sind. Sie gehören zu der Gruppe der besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge. Sie sind besonders  gefährdet, etwa durch Rekrutierung als Kindersoldaten, Genitalverstümmelungen oder Zwangsprostitution/-Verheiratung. Oft verlieren sie ihre Eltern aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen oder aber sie werden von diesen im Laufe der Flucht getrennt. Sie kommen aus Krisen- und Armutsgebieten der gesamten Welt.

Sie haben internationalen sowie europäischen und nationalen Konventionen zufolge (z. B. UN-Kinderrechtskonvention und Haager Minderjährigen Schutzabkommen) Anspruch auf besonderen Schutz.

Der größte Teil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge besteht aus jungen Männern zwischen 17 und 18 Jahren, wobei es seit Ende des Jahres 2015 eine Tendenz gibt, dass auch jüngere ab 15 Jahren alleine unterwegs sind.

Woher kommen die Jugendlichen?

Die unbegleiteten minderjährigen Ausländer kommen überwiegend aus den dauerhaften und aktuellen Krisengebieten dieser Welt. Sie kommen meist auf dem Landweg und gelangen schließlich nicht selten unter lebensbedrohlichen Umständen in unseren Landkreis. Nicht immer waren die Fluchtumstände traumatisierend, aber in der Regel sind die minderjährigen Ausländer großen Entbehrungen unterworfen.

Die wichtigsten Herkunftsländer sind Afghanistan, Somalia, Syrien, Eritrea, Pakistan Irak und Balkanstaaten, wobei die Zahlen der letzten Gruppe aktuell aufgrund der Verringerung der Schutzquote deutlich zurück gehen.

Wie gelangen sie nach Teltow-Fläming?

Seit dem 1. November 2015 werden die unbegleiteten minderjährigen Ausländer nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel über Landes- und Bundesstellen anteilsmäßig auf alle Jugendämter im gesamten Bundesgebiet verteilt.

Nach der bundesweiten Verteilung und ihrer Ankunft in Brandenburg werden die Minderjährigen auf die vorhandenen Jugendhilfeeinrichtungen an unterschiedlichen Standorten im Landkreis verteilt. Zunächst werden sie in spezialisierten Schutzeinrichtungen der Jugendhilfe in der Zuständigkeit eines freien Trägers untergebracht.

Wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben in TF?

Die Anzahl der unbegleiteten minderjährigen Ausländer im Landkreis Teltow-Fläming wächst kontinuierlich. Mit dem Königsteiner Schlüssel entfallen auf Brandenburg  3,06 Prozent  aller unbegleiteten minderjährigen Ausländer, die in das Bundesgebiet einreisen. Der Landkreis Teltow-Fläming bekommt davon 6,85 Prozent entsprechend dem Bevölkerungsanteil im Land in seine Zuständigkeit, das sind nach gegenwärtigen Prognosen ca. 140 Jungen und Mädchen pro Jahr.

Wer ist zuständig für diese Jugendlichen?

Die unbegleiteten minderjährigen Ausländer fallen von Anfang an in die Zuständigkeit des Jugendamtes. Dieses kümmert sich um Aufnahme, Unterkunft und Betreuung. Zuständig ist dasjenige Jugendamt, in dessen Bezirk der junge Ausländer erstmalig erscheint.

Bis zur Bestellung eines Vormunds übt der sozialpädagogische Dienst des Jugendamtes die Personensorge aus. Das Jugendamt ist verpflichtet, ein Hilfeplanverfahren – auch Clearingverfahren genannt – einzuleiten. Neben dem Jugendamt werden weitere Behörden einbezogen (Gesundheitsamt, Ausländerbehörde, Sozialamt, Job Center, BAMF).

Was macht das Jugendamt?

Das Jugendamt prüft, ob die Person minderjährig ist. Nur dann übernimmt es die Zuständigkeit und überprüft, ob der unbegleitete minderjährige Ausländer bereits medizinisch untersucht worden ist oder weiterer dringender medizinischer Handlungsbedarf besteht.

Das Jugendamt prüft weiterhin, ob es Hinderungsgründe gibt, den unbegleiteten minderjährigen Ausländer nach dem Königsteiner Schlüssel zu verteilen oder ob ggf. eine Familienzusammenführung möglich und sinnvoll erscheint. Dies soll möglichst innerhalb einer Woche geschehen.

Ist der unbegleitete minderjährige Ausländer bereits über die Landesverteilstelle an das Jugendamt verwiesen worden, so ist ein Antrag auf Bestallung einer Vormundschaft beim Familiengericht zu stellen. Das Jugendamt gibt im Rahmen der Inobhutnahme an einen freien Träger den  Clearingauftrag. Hier sollen die Fachkräfte gemeinsam den Jugendhilfebedarf feststellen. Die Kinder und Jugendlichen werden durch erste Sprach- und Integrationsmaßnahmen gefördert und zum Abschluss des maximal dreimonatigen Clearings bei Bedarf an eine geeignete Nachfolgeeinrichtung vermittelt.

Die gesetzliche Vertretung und die damit verbundenen Aufgaben beim weiteren schulischen und beruflichen Werdegang sowie die Klärung des aufenthaltsrechtlichen Status und Begleitung des asylrechtlichen Verfahrens erfolgt im Verantwortungsbereich der Vormundschaft. Der Vormund entwickelt idealerweise gemeinsam mit dem Mündel die weitere Lebensperspektive. Mindestens einmal pro Monat treffen sich beide; zu Beginn kann dies auch häufiger der Fall sein.

Wie wird die Minderjährigkeit eingeschätzt?

Der erste Handlungsschritt des Jugendamtes mit dem unbegleiteten minderjährigen Ausländer ist das Alterseinschätzungsverfahren im Erstgespräch. Wie in allen Bundesländern wird dieses Verfahren auch in unserm Landkreis mit zwei erfahrenen Sozialpädagogen unter Zuhilfenahme eines Dolmetschers durchgeführt. 

Per qualifiziertem Fragebogen und Inaugenscheinnahme wird nach fachlichem Ermessen das Alter geschätzt, sofern es keine Papiere gibt, die ein bestimmtes Alter dokumentieren können. Der Begriff "Alterseinschätzung" ist hier bewusst gewählt, weil eine Altersfeststellung auch unter Zuhilfenahme aller bekannten Methoden nur annähernd bestimmt werden kann. Selbst ein medizinisches Gesamtgutachten (Pubertätsstadien, Knochen- und Zahnalter) bietet lediglich nur Annäherungswerte (mindestens 2 Jahre Abweichungen möglich)  und wird von vielen Ärzten aus ethischen Gründen abgelehnt (Anwendung ionisierender Strahlung außerhalb einer medizinischen Indikation). Alle Jugendlichen, die ohne Zweifel das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, werden in Obhut genommen.

Wer vertritt die Jugendlichen gesetzlich?

Das Jugendamt (Sozialpädagogischer Dienst) muss die Bestallung eines Vormundes beim Familiengericht beantragen und dem Familiengericht einen Vormund vorschlagen. Es gibt die Einzelvormundschaft, Vereinsvormundschaft und Amtsvormundschaft. Das Jugendamt darf nur dann zum Vormund bestellt werden, wenn keine als Einzelvormund geeignete Person verfügbar ist. Werden Privatpersonen zu Vormündern bestellt, ist das Jugendamt verpflichtet, diese zu schulen und zu beraten. Der Vormund verantwortet die Pflege und Erziehung des Jugendlichen.

Interessierte können sich im Jugendamt des Landkreises Teltow-Fläming melden. Ansprechpartnerin ist

Sachgebietsleiterin Gabriele Burkert
Telefon 03371 608-3440
E-Mail g.burkert@teltow-flaeming.de.

Was ist ein Clearingverfahren?

Im Clearingverfahren kommen Identität, Alter, Familiensituation, Gesundheitszustand, Fluchtgeschichte und persönliche Interessen und Perspektiven zur Sprache. Dazu gehört auch die Einbindung eines heimatsprachlichen Dolmetschers. Liegen keine Papiere vor – was eher die Regel ist –, wird im Gespräch versucht, Näheres über die Identität des Jugendlichen herauszufinden. Im Clearing wird die weitere Perspektive des Jugendlichen geplant und ggf. weitere Integration durch Anschlusshilfen gewährleistet oder die Jugendhilfe beendet, sofern kein Bedarf besteht.

Was brauchen unbegleitete Minderjährige?

Wie alle anderen Kinder und Jugendlichen benötigen sie Unterstützung und Beistand in ihrer Entwicklung zu selbständigen und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten. Nicht zuletzt nach der UN-Kinderschutzkonvention haben sie ein Recht darauf, dem Kindeswohl entsprechend  untergebracht, versorgt und betreut zu werden. Kindeswohl ist dabei mehr als der Ausschluss einer möglichen Gefährdung und verlangt eine möglichst gesicherte Rechtsposition, die notwendige Behandlung bei psychischen Traumata, eine schulische und berufliche Integration, eine kulturelle Integration sowie die Berücksichtigung der Interessen und Willensbekundungen der Minderjährigen.

Das Jugendamt und die pädagogischen Fachkräfte der freien Träger haben die Aufgabe, den unbegleiteten minderjährigen Ausländern eine Hilfe zur Orientierung in der hiesigen Gesellschaft bei gleichzeitiger Bewahrung der Kultur ihres Heimatlandes zu geben.

Wie kann ich als Privatperson unbegleitete minderjährige Ausländer unterstützen?

Junge Ausländer ohne Familie brauchen Erwachsene, die ihnen für die Dauer des  Aufenthaltes Halt geben und für sie Verantwortung übernehmen und ihren Lebensweg begleiten. Ehrenamtliche können hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Sie werden zum Beispiel gesucht, um eine Vormundschaft für junge Flüchtlinge zu  übernehmen. Ehrenamtliche Vormünder können sich ganz auf ihren Mündel konzentrieren, stehen nicht so sehr unter zeitlichem Druck  wie staatliche Vormünder und können so eine emotionale und intensivere Beziehung zum Mündel aufbauen. Ehrenamtliche Vormünder sind genauso wie Amtsvormünder nur dem "Wohl des Kindes" verpflichtet, treffen wichtige Entscheidungen für den jungen Menschen, erleichtern die Integration von unbegleiteten Minderjährigen und machen ihre Zeit zum Geschenk.

Das Jugendamt unterstützt diese Freiwilligen in ihrer Arbeit als Vormund, vermittelt Einzelvormundschaften, berät in Einzel- und Gruppengesprächen, bietet die Möglichkeit zum Kennenlernen und gibt seine Erfahrungen gerne weiter.

Interessierte können sich im Jugendamt des Landkreises Teltow-Fläming melden:

Sachgebietsleiterin Gabriele Burkert
Telefonnummer 03371 608-3440
E-Mail g.burkert@teltow-flaeming.de.

Darüber hinaus können Interessierte auch über persönliche Patenschaften helfen. Über Kirchengemeinden, Vereine und Verbände oder den Jugendmigrationsdienst lassen sich hier sicherlich Kontakte herstellen.

Ist es auch möglich, einen unbegleiteten minderjährigen Ausländer zu Hause aufzunehmen und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Prinzipiell ist dies möglich. Es hat sich schon in der Praxis gezeigt, dass einzelne ehrenamtliche Vormünder ihre Mündel im eigenen Haushalt aufgenommen haben. Die Aufnahme in einen eigenen Haushalt setzt aber voraus, dass sich die Interessenten einem Prüfungsverfahren durch den Pflegekinderdienst des Jugendamtes unterziehen. Hier gelten grundsätzlich die gleichen Voraussetzungen wie bei jeder anderen Pflegschaft.

Welche Möglichkeiten der psychologischen Betreuung bestehen für die unbegleiteten minderjährigen Ausländer im Landkreis, insbesondere bei Traumata?

Nicht wenige der unbegleiteten Minderjährigen sind aufgrund dramatischer Fluchterfahrungen traumatisiert. Oft sind die Jugendlichen erst mit der Zeit in der Lage, über Vorkommnisse und Erlebnisse zu sprechen. Eine Behandlung ist leider nur selten möglich, da es zum einen an therapeutischen Fachkräften mangelt und zum anderen die Sprachbarriere zumeist ein großes Hindernis im therapeutischen Setting darstellt.

Ansprechpartner hierfür sind Kinder- und Jugendpsychologen.

Welche Möglichkeit der Familienzusammenführung gibt es für unbegleitete minderjährige Ausländer?

Bei unbegleiteten Minderjährigen ist die Suche nach Familienangehörigen ein wichtiger Aspekt, um den zukünftigen Aufenthaltsort zu bestimmen. Ist eine Familienzusammenführung kurzfristig möglich, da sich die Eltern im Bundesgebiet oder im sicheren Drittstaat befinden, so hat dies Vorrang vor weiteren aufenthaltssichernden Maßnahmen. Hierbei ist zu prüfen, ob das Kindeswohl gewährleistet wird (Zwangsheirat würde etwa gegen eine Zusammenführung sprechen). Dies lässt sich unter Umständen nicht schnell beantworten, sondern bedarf einer sorgfältigen Recherche und Abwägung, was sich je nach Aufenthaltsort der Eltern, Geschwister usw. sehr lange hinziehen und schwierig gestalten kann.

Was passiert, wenn die unbegleiteten minderjährigen Ausländer volljährig werden?

Die meisten der unbegleiteten minderjährigen Ausländer sind bereits 15 Jahre oder älter. Sie sind, was den Anspruch auf Jugendhilfe anbetrifft, deutschen Kindern und Jugendlichen gleichgestellt.  Wie bei diesen kann die Jugendhilfe zum 18. Lebensjahr enden oder sie wird bei Bedarf sogar als Hilfe für junge Volljährige weitergewährt. Eine Jugendhilfemaßnahme endet nicht zwangsläufig mit Erreichen der Volljährigkeit, sie kann vielmehr als Hilfe für junge Volljährige weitergeführt werden und zwar problemlos bis zum 21. Lebensjahr. Es passiert aber auch häufig, dass die 18-Jährigen von sich aus die Jugendhilfeleistungen nicht mehr in Anspruch nehmen wollen. Sie siedeln dann in der Regel in ein Übergangswohnheim über.

Was passiert mit unbegleiteten Jugendlichen, die eine Straftat begehen?

Die große Mehrheit der minderjährigen Ausländer ist hochmotiviert, in Deutschland Fuß zu fassen und zeigt starkes Interesse an einer Schul- und Berufsausbildung. Gleichwohl verhält sich erfahrungsgemäß ein kleiner Teil von ihnen auffällig.  Dieser Teil ist für pädagogische Unterstützungsangebote nicht erreichbar. Sie begehen, so die Erfahrungen aus anderen Bundesländern, Straftaten, verhalten sich teilweise aggressiv und konsumieren massiv Drogen. Kriminellem und aggressivem Verhalten ist konsequent und umgehend entgegenzuwirken. Dies muss in gemeinsamer Verantwortung von Jugendhilfe, Polizei, Justiz, Medizin und Schule erfolgen.

Genauso wie deutsche Jugendliche unterliegen die ausländischen Jugendlichen dem Jugendstrafrecht. Dieses bietet drei verschiedene Sanktionsmöglichkeiten: Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel und Jugendstrafe. Ausschließlich bei letzterer handelt es sich um eine Freiheitsstrafe. Diese greift jedoch nur bei so genannten schädlichen Neigungen oder der besonderen Schwere der Schuld. Üblicher ist es, dass Jugendliche Arbeitsstunden ableisten oder in gemeinnützigen Einrichtungen arbeiten. Eine Straftat hat keine Abschiebung zur Folge, jedoch kann sie, insbesondere bei fragilem Aufenthaltsstatus, die Chance auf ein langfristiges Niederlassungsrecht in Deutschland mindern oder gar verhindern.

Werden die unbegleiteten minderjährigen Ausländer alle im Landkreis bleiben?

Nein. Erfahrungsgemäß zieht ein Teil weiter, um nach Möglichkeit in die Ballungszentren zu gelangen, da dort eine bessere Infrastruktur vorhanden ist und es größere Flüchtlingsgruppen der gleichen Nationalität oder Ethnie zu treffen. Es ist weiterhin davon auszugehen, dass viele Flüchtlinge und sicher auch ein Teil der unbegleiteten minderjährigen Ausländer nach der Volljährigkeit in ihr Heimatland zurückkehren, sofern sich dort die Zustände wieder stabilisiert haben und kein Gefahrenpotential mehr zu erkennen ist.

Gleichwohl baut Deutschland auf die die Chance, junge, leistungsfähige Menschen für unser Land zu begeistern und in unsere Kultur zu integrieren.

Kontakt

Landkreis Teltow-Fläming

Name
Frau G. Burkert
Position
Sachgebietsleiterin
Structure
Unterhalt
Room
A7.0.09
Anschrift
Am Nuthefließ 2
14943 Luckenwalde
Telefon
(03371) 608-3440
Telefax
(03371) 608-9210
Website
www.teltow-flaeming.de

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